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Eine schmerzhafte Wegmarke

  • vor 15 Stunden
  • 6 Min. Lesezeit
Vierter Jahrestag des Kriegsbeginns in der Ukraine

Vasyl Savka, Geschäftsführer KOLPING Ukraine (Foto: KOLPING INTERNATIONAL)
Vasyl Savka, Geschäftsführer KOLPING Ukraine (Foto: KOLPING INTERNATIONAL)

Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine ist noch immer kein Frieden in Sicht. Die Angriffe auf die Energieinfrastruktur reißen nicht ab, Stromausfälle und Not prägen den Alltag der Menschen. Zum heutigen Jahrestag führte KOLPING INTERNATIONAL mit Vasyl Savka, Geschäftsführer von KOLPING Ukraine, ein Interview über Erschöpfung, Durchhaltewillen – und warum seelische Hilfe genauso wichtig ist wie humanitäre Unterstützung.


KOLPING INTERNATIONAL: Vier Jahre Krieg – und unvermindert erreichen uns Meldungen von neuen Angriffen, unzähligen Opfern, stundenlangen Stromausfällen. Was bedeutet dieser Jahrestag heute für die Menschen in der Ukraine? Ist er überhaupt noch etwas Besonderes?

Vasyl Savka: Vier Jahre Krieg sind tatsächlich eine so lange Zeitspanne, dass dieser Jahrestag für viele Menschen in der Ukraine kein symbolisches Datum mehr ist, sondern eher eine schmerzhafte Wegmarke.

Der Tag erinnert uns vor allem an unsere Verluste – an den Preis, den wir für unsere Freiheit, für unsere Demokratie, für unsere Souveränität zahlen müssen.

Er erinnert uns an zerstörte Häuser, zerbrochene Familien, gefallene Angehörige oder Angehörige und Freunde, die man seit Jahren nicht treffen konnte. Gleichzeitig ist dieser Krieg auch Alltag geworden. Die Sirenen, die ständigen Stromausfälle, die allgegenwärtige Gefahr von neuen Angriffen – das gehört für uns mit zur Normalität. Ich will nicht sagen, dass wir uns schon zu hundert Prozent daran gewöhnt haben. Aber wir haben gelernt, unter diesen schweren Bedingungen zu funktionieren. Deshalb ist dieser Jahrestag beides – ein Moment des Innehaltens und zugleich nur ein weiteres Datum in einem langen, schrecklichen Krieg.


Seit Kriegsbeginn koordinierst Du die Kolping-Nothilfe von Czernowitz aus, arbeitest dafür eng mit KOLPING Rumänien, KOLPING Polen und anderen Verbandsebenen zusammen. Immer wieder begleitest Du die Hilfslieferungen auch persönlich – selbst solche, die gefährlich nah an die umkämpften Regionen heranführen. Was kannst du aktuell aus diesen Gebieten berichten?

Jetzt im bitterkalten Winter, mit den vielen stundenlangen Stromausfällen, sind die Bedingungen natürlich besonders hart. Wir haben zuletzt einige Dörfer nahe der Frontlinie besucht, zum Beispiel in der Region Cherson. Dort war das Leben schon vor dem Krieg katastrophal. Es gab keine Arbeit, kaum Infrastruktur. Trotzdem bleiben die Menschen, selbst jetzt noch. Man sieht ihre enorme Erschöpfung, aber zugleich auch Würde und Zusammenhalt. Gemeinsam trotzen sie den schwierigsten Bedingungen. Und wenn man sie fragt, warum sie nicht flüchten, sagen sie: Wo soll ich denn hin? Wo werde ich erwartet? Wer hilft mir denn bei euch im Westen? Da haben sie teilweise recht. Dabei denkt man sich, dass es woanders auch nicht schlimmer werden könnte. Wir waren zum Beispiel in einem Dorf, wo sich alle im Clubhaus versammelt hatten. Darin stand ein großer Ofen. Trotzdem war der Raum sehr kalt. Da habe ich gefragt, warum sie denn nicht heizen, drüben im Wald gäbe es doch Holz. Das können wir aber nicht sammeln, sagten sie, da sind überall Minen. Es fehlt ihnen wirklich an allem: Strom, Feuerholz, Wasser, Lebensmittel, medizinische Versorgung. Es kommen auch kaum noch Hilfslieferungen in die Dörfer, die haben drastisch abgenommen. Diese Menschen brauchen dringend Hilfe. Deshalb fährt Kolping weiter dorthin, solange wir es können, mit Generatoren, Feldöfen, warmen Decken, Lebensmitteln und anderen humanitären Hilfsgütern.


Deine Heimatstadt Czernowitz im Westen der Ukraine gilt als vergleichsweise sicher. Wie spürt Ihr dort die Folgen des Krieges?

Auch wenn Czernowitz als relativ sichere Stadt gilt, wurden auch wir schon einige Male mit Kampfdrohnen und Raketen attackiert. Doch das größte Problem sind die russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur des Landes. Das spürt die ganze Ukraine, nicht nur die Menschen in Kiew, Charkiw oder anderen umkämpften Regionen. Auch wir sind oft 17 bis 20 Stunden am Tag ohne Strom. Das macht sich überall bemerkbar. Ohne Strom heißt: ohne Heizung, ohne Wasser, ohne Licht. Ist der Strom dann mal da, muss man rasch entscheiden: Was mache ich jetzt zuerst? Kochen, Wäsche waschen, Duschen, Spülen? Das macht viel mit einem. Und auch sonst hat sich das Leben in den letzten Monaten extrem verändert für viele Menschen. Die Not nimmt zu. Durch verlorene Angehörige. Dadurch, dass bei vielen Flüchtlingen längst die Ersparnisse weg sind und es nicht für jeden Beruf eine Arbeit im Westen gibt. Diese Menschen verarmen, sie leben unter schlechten Bedingungen in Flüchtlingsunterkünften und sind auch auf Hilfe angewiesen. Um sie kümmern wir uns ebenfalls, etwa mit dem Essen aus der Suppenküche und mit psychosozialen Angeboten. Aber es gibt natürlich auch noch so etwas wie die Normalität des Alltags im Westen – und auch privilegierte Menschen, die leben, als würde es den Krieg gar nicht geben. Das sind aber nur sehr wenige.


KOLPING International unterstützt Eure Nothilfe seit Kriegsbeginn kontinuierlich, damit die Suppenküche, die Hilfslieferungen und alle weiteren Maßnahmen weiterlaufen können. Welche Herausforderungen stellen sich Euch aktuell bei dieser Arbeit?

Dank der kontinuierlichen Unterstützung von KOLPING INTERNATIONAL und unserer weltweiten Kolpingsfamilie können wir unsere humanitäre Arbeit zum Glück seit langem aufrechterhalten. Und dafür sind wir zutiefst dankbar. Aber selbstverständlich gibt es Herausforderungen, und die werden größer. Anfang bis Mitte 2025 war ich wirklich besorgt, denn die Hilfslieferungen an uns nahmen drastisch ab. Das, was früher einmal pro Woche kam, kam nur noch einmal pro Monat oder sogar nur noch alle zwei Monate. Doch seit August sind die Transporte glücklicherweise wieder gestiegen, sogar stark. Am Freitag zum Beispiel ist ein LKW mit 71 Notstromaggregaten vom Diözesanverband Augsburg sowie von der Kolpingsfamilie Ebersberg gekommen. Gestern haben wir eine große LKW-Lieferung aus Stuttgart abladen. Demnächst sollen noch einmal 200 Notstromaggregate kommen. Und natürlich Lebensmittel. Es rollt wieder. Der Bedarf ist ja noch da. Zudem gibt es logistische Probleme, weil die Spritkosten gestiegen, die finanziellen Mittel hingegen etwas gesunken sind. Ein anderes Problem sind die menschlichen Ressourcen. Man findet kaum noch Helfer, etwa zum Ein- und Ausladen. Das liegt zum Teil daran, dass die Menschen erschöpft sind, aber auch daran, dass es hier kaum noch Männer gibt, die mit anpacken könnten. Die sind alle in der Armee. Ohne die Hilfe unserer Freunde von der Polizei und der Nationalgarde könnten wir das alles gar nicht mehr stemmen.


Kommen aktuell auch wieder mehr Binnenflüchtlinge nach Czernowitz?

Ja, bei uns kommen zurzeit wieder mehr Menschen an, vor allem aus Kiew, Charkiv und anderen Regionen, die von den Russen permanent beschossen werden. Darunter sind auch Familien, die schon mehrfach geflohen sind, etwa von Donezk nach Kiew und jetzt weiter in den Westen. Das bedeutet einen größeren Bedarf an Flüchtlingsunterkünften, an Essen, an allem. In Czernowitz hat KOLPING Ukraine aktuell kein Wohnheim mehr. Aber in Schargorod unterhalten wir ein Zentrum für Menschen mit Behinderungen. Dort kommen immer noch einige an. Aktuell wohnen dort rund 50 Flüchtlinge, davon haben 30 eine Behinderung und werden entsprechend begleitet und gefördert.


Im vergangenen Jahr konnte erstmals auch ein Ausbildungskurs in Traumatherapie, den KOLPING Ukraine zusammen mit der Stiftung Wings of Hope durchführte, erfolgreich abgeschlossen werden. Zeigt die psychosoziale Arbeit dieser Traumafachkräfte bereits erste Früchte?

Diese zweijährige Ausbildung von Traumafachkräften war wirklich ein wichtiger Meilenstein für uns – und für unser Land.

Denn Forschungen sagen, dass mittlerweile zirka 90 Prozent der ukrainischen Bevölkerung traumatisiert sind vom Krieg. Es gibt quasi keine gesunden Menschen mehr hier.

Der Bedarf an Traumatherapie ist also enorm. Und Kolping ist eine von wenigen Organisationen, die mit der Ausbildung von Traumafachkräften angefangen haben. Unsere Leute haben Methoden erlernt, die schon in Ländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Irak erprobt wurden und sehr gut funktionieren. Schon seit Mitte der Ausbildung wenden sie diese Methoden in ihrer täglichen Arbeit an, also in Kolping-Einrichtungen wie Wohnheimen oder Förderzentren. So konnten bereits rund 300 Menschen mit Traumarbeit begleitet werden. Diese Ausbildungen möchten wir unbedingt weiter anbieten und haben gerade erst einen Förderantrag für einen zweiten Ausbildungskurs gestellt, den wir wieder gemeinsam mit der Stiftung Wings of Hope umsetzen möchten. Darüber hinaus plant KOLPING Ukraine sogar, eine eigene Psychotraumatologie-Schule zu bauen und zu eröffnen. Daran arbeiten wir gerade und suchen eine Finanzierung. Denn wie gesagt: Der Bedarf an Traumatherapie hier ist riesig und wird auch in Jahren noch da sein. Das ist Zukunftsarbeit. Dieser Krieg – egal wann er endet – wird unserer Nation nicht nur zerstörte Häuser hinterlassen, sondern auch tief verwundete Seelen. Und Adolph Kolping hat ja gesagt: „Die Nöte der Zeit werden euch lehren, was zu tun ist.“ Ich sehe hier unsere Berufung.


Nach vier Jahren Krieg – wie viel Kraft ist da überhaupt noch übrig bei Euch im Kolping-Team? Was gibt Euch trotz allem Zuversicht?

Nach diesen vier Jahren Krieg sind wir wirklich alle müde. Das ganze Kolping-Team ist müde und erschöpft, die Dauerbelastung ist enorm. Aber die Kraft weiterzumachen ist noch da, weil wir sie aus der Solidarität, die wir erfahren, schöpfen können. Aus der Zusammenarbeit mit den vielen helfenden Händen, die wir haben. Aus der nicht endenden Spendenbereitschaft innerhalb der Kolping-Weltfamilie und darüber hinaus. Aus den dankbaren Augen der Menschen, denen wir helfen. Daraus können wir Kraft schöpfen, und das gibt uns Zuversicht. Also diese Gewissheit, nicht alleine zu sein. Und solange wir gemeinsam solidarisch handeln, werden wir die Hoffnung auch nicht aufgeben und weitermachen.


Lieber Vasyl, wir danken Euch von Herzen für Euer unermüdliches Engagement und wünschen Euch auch weiterhin viel Kraft und Erfolg für diese bemerkenswerte und überaus wichtige Arbeit!


Das Interview führte Michael Roemkens, KOLPING INTERNATIONAL.


Hier gehts zum Spendenkonto von Kolping Schweiz (Vermerk: Ukraine) und hier zur direkten Spendenmöglichkeit bei KOLPING INTERNATIONAL.

 
 

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